Die Kunst, den Überblick zu behalten

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Torsten Höck ist seit 2014 Geschäftsführer des Verbandes und eher aus Zufall in der Energiewirtschaft gelandet. Er erklärt, warum der Verband sich schon heute um die Themen von morgen kümmern muss und welches Fazit er aus den Gesprächen mit seinen Vorgängern zieht. Die größte Herausforderung in seiner Tätigkeit sieht er darin, den Überblick zu behalten: „Die vielen kleinen Gesetzesänderungen haben oft großen Einfluss auf die Energieversorger.“ Gerade die kleineren und mittleren Unternehmen sieht er jedoch gut gerüstet für die Zukunft. Dass der Verband heute fusioniert ist, hält er für genau richtig: „Wenn jeder mit seinem Einzelinteresse auf die Politiker zugeht, wissen die am Ende nicht mehr, wem sie noch glauben sollen.“ 

Wie war ihr beruflicher Werdegang und wie kamen Sie zur Energiewirtschaft? 

Das sind eigentlich viele Zufälle gewesen. Zunächst weniger aus Interesse, sondern mehr aus Zufall habe ich während des Referendariats an der Verwaltungshochschule in Speyer ein Seminar zum Regulierungsrecht belegt. Für Seminararbeiten habe ich Grafiken vom BDEW – damals noch VdEW – verwendet, ohne damals zu wissen, dass dies mein zukünftiger Arbeitgeber werden würde. Ich hatte so viel Spaß an den Themen, dass ich mich 2008 für die letzte Station meines Referendariats beim BDEW beworben habe. Nur weil der BDEW schnell reagiert hat, bin ich nicht in China gelandet: Kurz nach Vertragsunterzeichnung kam die Außenhandelskammer Shanghai mit einer Zusage auf mich zu. 2014 habe ich dann von Berlin nach Stuttgart als Geschäftsführer des Landesverbandes gewechselt. 

Welche Unterschiede stellen Sie zwischen der Arbeit in Berlin beim Bundesverband und in Stuttgart beim Landesverband fest? 

Hier in der Landesorganisation sind wir zwar ein vergleichbar kleines Team, aber die Anzahl der Themen ist dieselbe wie in Berlin. Wenngleich wir diese nicht in derselben Tiefe und Intensität bearbeiten können. Die Kunst, den Überblick zu behalten, ist die große Herausforderung. Gerade weil derzeit alles so schnelllebig ist. Das wird deutlich, wenn man nur einmal betrachtet, dass das EnWG von 1935 bis 1998 beinahe unverändert geblieben ist. In den Jahren danach hat sich am politischen Rahmen enorm vieles verändert: 2010 kam das große Energiekonzept der Bundesregierung. Daneben gab es die EU-Binnenmarktpakete, verschiedene EnWG-Novellen sowie viele kleinere Rechts- und Gesetzesänderungen. Für das tägliche Geschäft der Unternehmen war jede einzelne Änderung gewichtig. Da den Überblick zu behalten, ist gerade für kleinere und mittlere Unternehmen eine enorme Anforderung. 

Wo sehen Sie die Rolle des Verbandes in dieser Schnelllebigkeit? 

Wir sind als Verband nicht unbedingt der Treiber dieser Schnelllebigkeit – ich sehe das auch nicht als unsere Aufgabe an. Wir filtern heraus, was unseren Mitgliedsunternehmen zu schaffen macht, und versuchen, die Rahmenbedingungen möglichst positiv zu gestalten. Dafür ist ein gutes Gespür für die Bedürfnisse der Mitgliedsunternehmen notwendig. Aber auch diese ändern sich. Gerade für kleinere und mittlere Unternehmen ist es wichtig, über die ganzen Veränderungen und deren Auswirkungen auf dem Laufenden zu bleiben. Rechtliche Erstbewertung von Gesetzen beispielsweise ist für die Unternehmen ein großer Wert, den sie sonst teuer einkaufen müssten. Das macht einen erheblichen Teil der Arbeit im Verband aus. 

Was sehen Sie darüber hinaus als die Kernaufgaben des Verbandes heute und in Zukunft an? 

Wir haben keine Pflichtmitgliedschaft, und das finde ich auch gut so: Bei uns ist man, weil man dabei sein möchte. Das ist für die Stimmungslage untereinander gut. Ansonsten haben wir drei wesentliche Funktionen: die Mitgliedsunternehmen informieren, deren Interessenvertretung wahrzunehmen und ihnen ein Netzwerk zu bieten. Das Netzwerk unterliegt nicht unbedingt der eben beschriebenen Schnelllebigkeit. Alte Fotoalben zeigen, dass es die vom Verband getragenen Netzwerke schon seit vielen Jahrzehnten gibt. Was immer wichtiger wird, ist, den Finger am Puls der Zeit zu halten. Wir müssen von einer reaktiven zu einer aktiven Rolle finden. Beispielsweise wissen wir schon heute, dass uns Fragen rund um die Finanzierung und Entgeltstrukturen in den nächsten Jahren stark beschäftigen werden. Wir versuchen deshalb schon jetzt, mit wichtigen Ansprechpartnern auf Landesebene zu diesen Themen ins Gespräch zu kommen. Wenn ein Gesetzesvorschlag auf den Tisch kommt, ist es oft schon viel zu spät, bis wir unsere Stellungnahme dazu erarbeitet haben. Denn dann haben andere ihre Positionierung dazu in der Regel abgeschlossen. Wenn ich mir unsere Mitgliederentwicklung anschaue, trifft unser Angebot definitiv auf einen Bedarf. Natürlich muss unser Ziel sein, immer besser darin zu werden, der bestmögliche Partner, Dienstleister und Interessenvertreter für unsere Mitglieder zu sein.

Für Ihre Vorgänger war die Liberalisierung ein großer Einschnitt. Ist der Prozess abgeschlossen?

Als ich in die Energiewirtschaft kam, habe ich die weitergehenden Entflechtungsregelungen, die Trennung von Transportnetzen und Verteilnetzen und das 3. EU-Binnenmarktpaket noch aktiv miterlebt. Aber da waren die wesentlichen Grundentscheidungen zu Marktmodell, Marktzugang und Anreizregulierung schon getroffen. Ich kann mich gut erinnern, dass man noch lange zu tun hatte, um allein die Begrifflichkeiten zu klären. Aus der alten Welt kommend – was bedeutet dies und jenes in der neuen Welt? Man spürt bis heute, dass die alte Welt noch präsent ist. Hin und wieder verfallen die Menschen in alte Begrifflichkeiten oder sogar Denkmuster. Das heißt nicht, dass die alten Strukturen schlechter waren, gerade bei Themen wie Gasversorgungssicherheit. Aber mittlerweile stellt man fest, wie die neuen Rollen, insbesondere die Trennung von Erzeugung, Netz und Vertrieb, wirken, auch oder vor allem, wenn alle Rollen noch in einem Unternehmen existieren.

Welche Rolle spielt die Energiewende für den Verband und die Mitgliedsunternehmen?

Darüber, wie eine Energiewende organisiert wird, wird ja schon seit Jahrzehnten diskutiert. Die Demonstrationen gegen Kernenergie in den 80er-Jahren, später die Klimavereinbarungen wie das Kyoto-Protokoll – die Energiewende ist keine Erfindung aus der jüngsten Zeit. Jedoch hat sie zuerst durch das Stromeinspeisegesetz und dann das EEG erheblich an Dynamik zugenommen. Damit einhergehend der Ausbau der erneuerbaren Energien. Für die Unternehmen ist diese Dynamik insofern eine Herausforderung, als sie auch ihre Geschäftsmodelle darauf ausrichten müssen. Auch kleinere und mittlere Unternehmen sind in den Ausbau der erneuerbaren Energien eingestiegen. Beispielsweise stellt der Regimewechsel beim EEG hin zu Ausschreibungsmodellen gerade die kleineren Stadtwerke vor die Frage: Kann ich als KMU noch in Windkraftprojekte, insbesondere vor Ort, investieren? Es ist ja allen ein großes Anliegen, Energiewende erlebbar zu machen und lokale Akteure zu stärken, um den Rückhalt der Bevölkerung für die Energiewende nicht zu gefährden. Doch gerade für kleine Stadtwerke hat sich das erschwert. Ein anderes Beispiel ist die Kraft-Wärme-Koppelung. Obwohl dies politisch gewollt ist, ändern sich die Rahmenbedingungen ständig zulasten der Investitionssituation. Ich beobachte, dass sich viele Unternehmen derzeit Nischen suchen. Da gibt es viel Bewegung, gerade bei den kleineren Unternehmen. Ich sehe es auch als Verbandsaufgabe, den Freiraum dafür zu gewährleisten.

Wird sich die Struktur der Mitgliedsunternehmen dadurch in den nächsten Jahren verändern? 

Wenn wir beobachten, was beispielsweise beim Messwesen passiert, wird es zukünftig mehr Kooperationen zwischen den Unternehmen geben. Ob bei Leitwarten oder Ausbildungskooperationen und gemeinsamen Lehrwerkstätten – die Unternehmen merken, dass sie mit ihren Nachbarn aus der Region in gewissen Feldern sehr gut zusammenarbeiten könnten. Ich denke auch, dass Unternehmen in Zukunft noch stärker unterschiedliche Schwerpunkte setzen müssen und weniger homogen sein werden. Ich bin zuversichtlich, dass jedes Unternehmen seinen Weg finden wird. Gerade auch die kleinen – und oft sehr wendigen – sind besser aufgestellt, als manchmal verbreitet wird. 

Was bedeutet die steigende Heterogenität bei Unternehmen für den Verband, der sich nach Jahrzehnten der Parallelstrukturen erst vor wenigen Jahren zusammengefunden hat? 

Wenn man in die Geschichte des Verbandes schaut, stellt man fest, das Verbände nichts Statisches sind. Es fing ja schon damit an, dass wir lange überlegt haben, wann wir das 100-jährige Jubiläum begehen wollen. Es gab ja viele Vorgängerverbände, die etwa um dieselbe Zeit gegründet wurden. Zu den Veränderungen gehört eben auch, dass sich Verbände thematisch zusammenschließen oder einzelne Interessen neu organisieren. Aber ich bin überzeugt: Die Grundidee unseres fusionierten Verbandes, ein gemeinsames Branchenbild abzugeben und eine Branchenmeinung zu erarbeiten, ist das einzig Richtige. Es entspricht auch dem, was die Politik fordert. Wenn jeder mit seinem Einzelinteresse auf die Politiker zugeht, wissen die am Ende nicht mehr, wem sie noch glauben sollen. Dann setzt sich mal der eine durch, mal der andere. Im Sinne des Gesamtsystems und gerade für unsere stark integrierten KMU entspricht eine geschlossene Position dem, was man in einer sich immer schneller verändernden Welt braucht, um gehört zu werden. Wir haben derzeit grundsätzlich eine sehr gute Struktur; auch anerkennend, dass diese nicht in Stein gemeißelt ist. 

Wie organisierten Sie die Interessenvertretung gegenüber der Politik? 

Vom parlamentarischen Abend über das parlamentarische Mittagessen bis hin zu Vier-Augen-Gesprächen – die unterschiedlichen Formate sind auf verschiedene Zielgruppen zugeschnitten. Wenn Themen auf Bundesebene laufen und das Land daran über den Bundesrat beteiligt ist, sprechen wir mit Ansprechpartnern aus den Ministerien. Bei den Landesthemen ist der Landtag von großer Bedeutung. Die Landtagsabgeordneten spielen eine wichtige Rolle, weil sie – das wird oft unterschätzt – als Stimmungsbild in die Parteien hineinwirken. Beim parlamentarischen Mittagessen beispielsweise gehen wir gezielt auf die Fachpolitiker zu und besprechen fachliche Themen. Bei den parlamentarischen Abenden greifen wir globalere Themen auf. Es hat jedes Format seine Rolle und Funktion. Natürlich muss man alles immer wieder evaluieren und optimieren. 

Welche Parallelen erkennen Sie in den Gesprächen mit Ihren Vorgängern und den ehemaligen Vorsitzenden zwischen früheren Jahren der Verbandsarbeit und heute?

Eine Erfahrung, die ich auch teile: Verbandsarbeit hat viel mit Menschen zu tun. Es sind Menschen, die die Entscheidungen treffen, und nicht Algorithmen. Das finde ich spannend an der Arbeit. Für jemanden, der keine Freude am Umgang mit Menschen hat, ist Verbandsarbeit vermutlich nicht das Richtige. Dieser rote Faden spannt sich durch all die Jahre.

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